Schreibratgeber

45 Master Characters & 20 Master Plots von Victoria Lynn Schmidt & Ronald B. Tobias

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Es gibt nicht so viele Ratgeber, über die ich sagen würde, dass man sie zumindest einmal gelesen haben sollte. 45 Master Characters und 20 Master Plots gehören hingegen zu ihnen. Auf verständliche und kompakte Weise gehen beide getrennt – nach den Titeln auch nicht anders zu erwarten – auf zwei der grundlegenden Bausteine von Geschichten ein.
(Für den dritten würde ich den Stil/ das sprachliche Können des Schriftstellers benennen. Allerdings gibt es da so viele Schulen und verschiedene Anwendungen je nach Ziel, dass sich da wohl kein allgemeingültiger Ratgeber finden lässt.)

45 Master Characters ist dabei nicht unbedingt der erste Ratgeber seiner Art. Der Heros in tausend Gestalten von Joseph Campbell spürt ebenso einer mythologischen Figur nach – ist für die Anwendbarkeit während des Schreibens meiner Einschätzung nach jedoch nicht tauglich, bzw. fokussiert sich Campbell allein auf den einen Typus des Helden. Frau Schmidt hingegen fährt da eine größere Riege an Figuren aus weiblichen und männlichen Helden sowie unterstützenden Figuren auf. Zusätzlich gibt sie zwei Leitfäden und Arbeitsblätter an die Hand, was die weibliche und männliche Entwicklung angeht. (Diese stützt sie auf dem Mythos der Göttin Inanna und dem Gilgamesh-Epos. Gerade bei letzterem sind natürlich starke Parallelen zur Heldenreise anderer schlauer Menschen zu erkennen. The ancient world was a world of men and winners, sozusagen.)
Was mir an dem Ratgeber allerdings am Besten gefallen hat, sind die direkten Beispiele der verschiedenen Typen, die sie aus TV, Film und Literatur bezieht. Dem Alter des Ratgeber ist es allerdings auch geschuldet, dass diese Beispiele 15 Jahre und mehr auf dem Buckel haben. Gerade für die Jüngeren unter uns könnte das eine Herausforderungen darstellen, die genannten Filme, Serien und Bücher ersteinmal nachzuholen. Aber keine Sorge, bei vielen handelt es sich mittlerweile um Klassiker, die ganz und gar unschädlich sind. (Ganz ehrlich, welcher Fantasyschriftsteller kennt denn Buffy nicht? ;) )

20 Master Plots stellt die Characters in Sachen Alter allerdings in den Schatten: Der Ratgeber hat in seiner Grundform 23 Jahre auf dem Buckel, und auch hier vielleicht nur bei den Beispielen eingebüßt. Da sich Herr Tobias aber in der Regel auf Filme bezieht, lassen sich entsprechende Lücken schnell schließen.
Auch wie Frau Schmidt fußt Herr Tobias seine Ausarbeitung auf einem historischen Werk, nämlich Dante Alighieris Commedia, indem er behauptet, dass es nur zwei Typen von Plots gibt: die des Geistes (nach den forda, den Betrügerein und Täuschungen) und die des Körpers (nach den forza, den Gewaltverbrechen). Dem ist nichts hinzuzufügen und die 20 Master Plots, die er vorstellt, lassen sich einfach in eine der beiden Kategorien einteilen.
Mein Problem bei diesem Ratgeber, im Gegensatz zu den Characters, war allerdings der Zusatz „and how to build them“, dem Herr Tobias meiner Meinung nach nur unzureichend nachkommt. Zwar gibt er sich alle Mühe, die Grundzüge und die Eigenheiten der Plots zu erklären, verfällt aber letztlich in Allgemeinplätze, die zum 1zu1-Nachmach-Rezept nicht taugen. Bspw. findet sich in der Checkliste am Ende zum Abenteuerplot der Punkt „Ihr Held zieht aus das Glück zu suchen, das nie zu Hause zu finden ist.“ oder auch „Abenteuer beinhalten oft Romanzen.“ Um einen Überblick zu erhalten, sind die Erklärungen (und auch die Checklisten die sich nach jedem Plot finden lassen) ganz tauglich. Zur konkreten Anwendungen kann ich sie allerdings nicht empfehlen. An dieser Stelle muss ich aber auch sagen, dass mir bisher kein anderer Ratgeber über den Weg gelaufen ist, der an das Thema Plot auch nur annähernd heran geht wie Herr Tobias. Die meisten Ratgeber heutzutage stützen sich auf abgewandelte Heldenreisen oder versuchen, verschiedene Plotmechanismen zu kombinieren, gerne auch angelehnt an den dramatischen Aufbau alt-griechischer Dramen, was sie nicht unbedingt so wandlungsfähig macht wie 20 Master Plots. (Wobei das auch ein allgemeines Problem von Genreliteratur an sich ist: Wie weit kann man sich vom Genre und seinen Konventionen entfernen, ohne völlig heraus und in ein anderes heinein zu fallen?)

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