Werkstatt

Kreatives Zettelchaos

Eins der Dinge, die mich am Austausch mit anderen Autoren immer am meisten interessiert, ist ihre persönliche Arbeitsweise. Darüber könnte ich stundenlang lesen oder zuhören. Fotos von Arbeitsplätzen oder aufgeschlagenen Notizbüchern zwischen einer unheilvollen Zettelwirtschaft, die man sonst nur zur Deadline der Einkommenssteuererklärung kennt, geben mir dabei erst den richtigen Fix.
Glückseligerweise kultiviere ich mein eigenes Arbeitschaos schon seit… jeher ziemlich erfolglos. Zwar habe ich auch in ganz jungen Jahren alle meine Weltenbaugedanken in einem lilafarbenen Schnellhefter gesammelt und meine erste beendete Geschichte ausgedruckt in einem Ordner mit Kätzchen drauf aufbewahrt (habe ich alles noch!), im Grunde war das nur damals schon nicht mehr als ein jämmerlicher Versuch, der zum Scheitern verurteilt war.
Wenn mir eine neue Idee kommt — sei es ein Titel, eine Figur, oder nur ein Setting — dann fahren meine Gedanken erstmal Achterbahn. Woher kommt die Figur? Was ist das Hauptproblem in der Welt (aka Warum muss sie, mal wieder, gerettet werden)? Warum gibt es keinen Tag? Ob Albinohasen alle Farben sehen, und würden sie einen Sandsturm auf dem Mars überleben? Und wieso ist mein Prota ein Alpaka? Um da den Überblick zu behalten, hat sich eine beachtliche Anzahl an Notizbüchern angesammelt.

2008 begann ich mein erstes Notizbuch. Leider ohne besonders lustige Einfälle, ich war wohl damals schon der Anti-Heinz-Erhardt. In der simplen Kladde sortierte ich chronologisch nach Datum und mit Ich-weiß-nicht-was-Tags-sind-benutz-sie-aber-trotzdem-Tags versehen Idee nach Idee. Trotzdem plante ich immer noch einzelne (Kurz-)Geschichten für Wettbewerbe auf Kopierpapier parallel dazu, wenn ich mir so die Zettelei ansehe, die hinten so drinnen liegt. Irgendwann begann ich dann für jedes Projekt ein eigenes Notizbuch anzulegen. Notizbuch 1 geriet dadurch in Vergessenheit und schon bald hatte ich zig begonne Notizbücher, in denen nicht mehr als die jeweilige Idee stand. Selten hat es damals überhaupt zu einem Wenn-ich-gewusst-hätte-was-ein-Pitch-ist-Pitch gereicht, aber Hauptsache, das Notizbuch war schon angelegt und meiner überbordenden Genialität stand nichts mehr im Wege. Dass das nicht funktioniert hat, ist jetzt eine ziemliche Überraschung, ich weiß. :) Ein netter Nebeneffekt war auch, dass ich eine Sammelleidenschaft für Notizbücher entwickelte, ebenjene oft nur nach dem Cover kaufte, weil mir beim Anblick gleich eine Idee durch den Kopf ging, die ich irgendwann neben den anderen drölfzigtausend abarbeiten würde. Bis dahin diente das Notizbuch allein durch sein Aussehen als gute Gedankenstütze. Dachte ich zumindest. Mein Kopf war schon immer recht… willkürlich darin, an was ich mich erinnere und an was nicht, und so habe ich viele schöne Bücher, aber die Ideen dazu sind weg.
Was tat ich also? Ich ging einen Schritt zurück, ließ die Kladden Kladden sein und begann wieder, Ideen auf Notizblöcken zu plotten. Die Loseblattsammlung war also zurück gekehrt und brachte genauso wenig Erlösung wie zuvor schon. Mittlerweile habe ich mein altes Notizbuch wieder heraus geholt und muss gelegentlich schmunzeln bei all den Ideen, die ich vergessen habe — oder an die ich mich noch erinnere und über die ich erstaunt bin wie lange sie sich dann doch schon im Hinterkopf halten.
Letztens konnte ich sogar aus einer uralten Schreibübung ein paar Wörterchen für den Anfang von Aschebraut gewinnen. Was ich daraus lerne? Alte Ideen nie restlos zu entsorgen. Alles kommt irgendwann wieder. Bestimmt. (Hoffe ich.)

Im Moment bin ich also an einem Punkt, an dem ich alles parallel nutze: Projektnotizbücher, Sammelnotizbuch und Loseblattsammlung. Als wäre das nicht genug, habe ich auch noch unzählige Scrivener-Dateien, die nur eine Idee oder einen Pitch enthalten, und zweckentfremde Numbers-Dateien zum Plotten, oder Plot auf Karteikärtchen … Von digitalen (Evernote) und analogen (Halloooo Werbezettelblock) Notizzetteln gar nicht zu reden.
Vermutlich gibt es auch eine elegante Lösung für mein Kopfchaos, nur vermutlich nicht mehr in diesem Leben.

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