Werkstatt

Zweifel & Kreativität

An jedem Abend, an dem ich ohne etwas Geschriebenes zu Bett gehe, meldet sich dieses leise Stimmchen:
„Wirf hin, gib auf. Du bist kein Schriftsteller und du wirst nie einer werden.“ Und dann liege ich da und hadere mit mir selbst. Nur um am nächsten Morgen wieder aufzustehen und zu hoffen, dass ich heute etwas zustande bringe.

Soll heißen: Es ist normal, zu zweifeln. Es ist normal, nicht jeden Tag zu schreiben. Schriftsteller zu sein bedeutet nicht, einen täglichen Output von soundsovielen Wörtern zu liefern. Es ist eine Einstellungssache. Ob ich das, was ich tue, ernst genug nehme, ob ich genug Respekt vor mir selbst habe und ob ich es für identitätsstiftend halte. Kunst bzw. Kreativität ist keine Wirtschaft, die einem Leistungsgedanken unterworfen ist. Auch ich muss mir das immer wieder ins Gedächtnis rufen.

Natürlich kann man sich jetzt hinstellen und provozieren: „Was ist mit Berufsautoren/ Berufsschriftstellern?“
Nun, das sind Menschen, die ihre Kreativität einem Markt unterwerfen und damit dann letztlich doch in den Leistungsdruck rutschen. Aber: Diese Position ist freiwillig gewählt. Ich habe noch nie gehört, dass jemand in den Beruf Autor/ Schriftsteller gegen seinen Willen gedrängt wurde. Es steht diesen Menschen frei, etwas anderes zu tun oder sich vom Markt abzuwenden, wenn es dann doch nicht klappt mit dem Lebensunterhalt.
Aber vor allem ist „Geld verdienen“ nicht der Kernzweck von Kunst. Im Gegenteil, ich glaube sogar, dass Kunst überhaupt keinen Zweck hat. Bei Kreativität bin ich mir nicht sicher, aber wenn sie einen hat, dann den, zu überleben. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass die Kreativität das ist, was uns von anderen Lebewesen abgrenzt und zu einer so starken Art macht. Ich will hier nicht auf irgendeinen gottgegebenen Spitzenplatz der Schöpfung anspielen. Mitnichten. Aber letztlich ist es doch so, dass wir ohne Einfallsreichtum und Vorstellungskraft nicht dort wären, wo wir heute sind. (Einen speziellen Beweis führe ich hier nicht an, dazu ist die Liste an Erfindungen und Ideen im Laufe der Menschheitsgeschichte zu erschlagend und würde wohl eher eine ganze Vorlesungsreihe über mehrere Semester beanspruchen.)

Um wieder zum Ausgang zu kommen: Kreativität ist keinem Leistungsdruck unterworfen — Berufsautoren sind es allerdings. Also sind Berufsautoren nicht kreativ?
Wenn wir hier einfach und kurz denken: Ja. Warum? Wenn ich an das Klischee eines Berufsautors denke, dann fallen mir eigentlich nur Autoren von generischen Werken ein: Telenovelas, Bedienungsanleitungen, Genreromane, Heftchenromane, Werbetexter, Bewerbungsschreiber, etc. pp. — die eben deswegen nicht-kreativ sind, weil sie Konventionen unterworfen sind, die z.T. sehr enge Vorgaben liefern. Das heißt nicht, dass es nicht herausfordernd sein kann und Hirnschmalz verlangt, einen Heftroman oder eine Bewerbung zu schreiben — aber gerade weil sie so eng gefasst sind, beschneiden sie auch die Kreativität und lassen nicht das volle Potential an Einfallsreichtum zu.
Wenn wir hier weiter denken, so kann man natürlich doch in einem gewissen Rahmen sich seine Freiheit des Einfallsreichtums erschreiben. Nur ist dann irgendwann die Frage, ob das noch bspw. Genreromane sind. Ob ich dem Kunden mit der Bewerbung tatsächlich einen Gefallen tue und das liefere, was er haben will. Und wenn ich das nicht tue: Kriege ich dann mein Geld? Ich denke nicht, weil es alles Werkverträge sind und bei solchen der Erfolg geschuldet ist, nicht das Bemühen und über Erfolg und Misserfolg entscheidet der Kunde.

Wie man es also dreht und wendet, als Berufsautor/ Berufsschriftsteller unterwirft man sich freiwillig allerlei Einschränkungen, die Beschränkungen der Kreativität nach sich ziehen und daraus resultierend auch mit einem gewissen Leistungsdruck verbunden sind.

Ob man sich dann seinen Zweifeln hingibt und dem Leistungsdruck Rechnung trägt und die Sache beendet — das ist jedem selbst überlassen. Ich wage auch nicht allgemeingültig zu urteilen, welches Verhalten das bessere ist. Ich kann nur für mich selbst urteilen und das sieht im Moment vor, dass ich es müde bin, zu zweifeln; und dass ich es leid bin, müde zu sein. Nur, den Weg aus dieser Misere kenne ich nicht.
Noch nicht.

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