Rezensionen

St Aubyn, Edward: Schöne Verhältnisse

St Aubyn, Edward: Schöne Verhältnisse. München: btb Verlag, 2008.

Man sollte sich von Cover und Klappentext nicht täuschen lassen: So freundlich wie das Buch daher kommt, ist es nämlich nicht, erleben wir doch einen Tag diverser Mitglieder der Upper-Class, die alle nach Gegenseitiger Aufmerksamkeit und Ansehen gieren, hinter vorgehaltener Hand aber tuscheln und lästern.
Allen voran steht dabei David Melrose, sechzigjähriger Misanthrop und Arzt, dem es nicht nur eine Freude ist, Ameisen zu ertränken und zu verbrennen, sondern auch andere zu erniedrigen, sei es seine trinkende und tablettenabhängige Frau oder seinen fünfjährigen Sohn. Das Setlsame daran: Davids Freunde wissen von seinem gräulichen Charakter und buhlen dennoch um seine Gunst. Betrachtet man diese Freunde aber genau, so sind sie wie die Melroses nichts weiter als gescheiterte Existenzen, die sich in ihrer Scheinwelt aus Unbedeutbarkeiten aalen und insgesamt einen abstoßenden Eindruck der Upper-Class hinterlassen.
St Aubyn serviert das Ganze dabei mit lakonischen, bösen, beinah spöttischen Worten, die der sich nach und nach entfaltenden Abartigkeit Davids und des Ringelpitzes der Charaktere nur gerecht werden, gerade deswegen einem im Halse stecken bleiben und zuweilen sogar anwidern und die so gut übersetzt sind, dass man sich ihrer nur schwerlich entziehen kann. Zumindest konnte ich das Buch, einmal angefangen, nur schwer aus der Hand legen.

Für Menschen, die mit Abartigkeiten umgehen können, nur zu empfehlen. Wahrlich schöne Verhältnisse.

Tipp: Die Geschichte der Melroses setzt sich fort in Nette Aussichten und Schlechte Neuigkeiten.

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