Schreibratgeber

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Es ist mal wieder soweit, der NaNoWriMo steht vor der Tür und wie könnte man sich nicht besser darauf vorbereiten, als bereits jetzt schon den Roman zu planen, den man schreiben möchte? *hebt die Hände zur Verteidigung* Ja, ein Eckpfeiler des NaNos ist es, jungfräulich von vorn anzufangen. Nur, wenn das nicht gerade der erste NaNo ist – oder die Gewinnchancen einfach erhöht werden sollen – sind ein paar Gedanken im Voraus keine schlechte Idee. Ready, Set, Novel! ist dabei eins der Bücher, die sich besonders gut dafür eignen.

Es ist nicht das erste Buch der Autoren, und auch nicht das erste Buch der Leute, die den NaNoWriMo ausrichten. Bereits mit No Plot, No Problem! schuf Chris Baty den Begleiter zum NaNoWriMo. Anders als NPNP ist Ready, Set, Novel! nicht direkt auf den NaNo zugeschnitten, es lässt sich auch außerhalb dieses dreißigtägigen Irrsinns wunderbar verwenden. Dabei macht das Buch eins richtig, das ich letzte Woche noch bei 20 Master Plots vermisste habe: Es ist tatsächlich das Arbeitsbuch, das es vorgibt, zu sein.
Das Innenleben ist wie gewohnt grafisch schön gestaltet, nicht zu eintönig, aber auch nicht zu bunt und überladen, und leitet den Benutzer in Babyschritten durch den Entwicklungsprozess einer Romanidee. Figuren, Plot, Prämisse und Setting werden in praktischen Übungen herauf beschworen und weiter entwickelt, und können auf genügend freier Fläche ein ums andere Mal ausformuliert werden. Am Ende findet sich noch eine nette Liste mit Writing Prompts und Ausmalbildchen berühmter Schriftsteller, um dem gestressten Autor nach Stunden des Entwickelns einen Ort der Zerstreuung zu bieten (aka des Prokrastinierens 😉 ). Insgesamt ist das Buch so gestaltet, dass auch ohne eine Idee begonnen werden kann. Einfach die Hauptfigur entwickeln und noch ein paar andere, und bis man beim Thema Plot ist haben sich Ansätze bereits von alleine ergeben. So lässt sich auch noch am 31. Oktober mal eben der rote Faden für den NaNo-Roman aus dem Boden stampfen.

Enttäuscht war ich von dem Arbeitsbuch nur insofern als dass es nichts Neues für mich enthielt und im Grunde die Dinge so angeht wie ich es bereits tue (wenn man von der Reihenfolge einmal absieht, die Figuren sind bei mir die letzten, die ich normalerweise entwickle). Die Writing Prompts fand ich aber ganz ulkig, den ein oder anderen habe ich mir auch aufgeschrieben, dennoch kann ich das Arbeitsbuch nur Anfängern empfehlen. Jeder, der bereits einen Schreibratgeber in der Hand hatte – besonders einen zum Plotten – kann von diesem Arbeitsbuch Abstand nehmen. (Wären die vielen Grafiken und freien Flächen nicht, würde das Buch vermutlich nur dreißig Seiten umfassen, wenn überhaupt.)

Schreibratgeber

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Es gibt nicht so viele Ratgeber, über die ich sagen würde, dass man sie zumindest einmal gelesen haben sollte. 45 Master Characters und 20 Master Plots gehören hingegen zu ihnen. Auf verständliche und kompakte Weise gehen beide getrennt – nach den Titeln auch nicht anders zu erwarten – auf zwei der grundlegenden Bausteine von Geschichten ein.
(Für den dritten würde ich den Stil/ das sprachliche Können des Schriftstellers benennen. Allerdings gibt es da so viele Schulen und verschiedene Anwendungen je nach Ziel, dass sich da wohl kein allgemeingültiger Ratgeber finden lässt.)

45 Master Characters ist dabei nicht unbedingt der erste Ratgeber seiner Art. Der Heros in tausend Gestalten von Joseph Campbell spürt ebenso einer mythologischen Figur nach – ist für die Anwendbarkeit während des Schreibens meiner Einschätzung nach jedoch nicht tauglich, bzw. fokussiert sich Campbell allein auf den einen Typus des Helden. Frau Schmidt hingegen fährt da eine größere Riege an Figuren aus weiblichen und männlichen Helden sowie unterstützenden Figuren auf. Zusätzlich gibt sie zwei Leitfäden und Arbeitsblätter an die Hand, was die weibliche und männliche Entwicklung angeht. (Diese stützt sie auf dem Mythos der Göttin Inanna und dem Gilgamesh-Epos. Gerade bei letzterem sind natürlich starke Parallelen zur Heldenreise anderer schlauer Menschen zu erkennen. The ancient world was a world of men and winners, sozusagen.)
Was mir an dem Ratgeber allerdings am Besten gefallen hat, sind die direkten Beispiele der verschiedenen Typen, die sie aus TV, Film und Literatur bezieht. Dem Alter des Ratgeber ist es allerdings auch geschuldet, dass diese Beispiele 15 Jahre und mehr auf dem Buckel haben. Gerade für die Jüngeren unter uns könnte das eine Herausforderungen darstellen, die genannten Filme, Serien und Bücher ersteinmal nachzuholen. Aber keine Sorge, bei vielen handelt es sich mittlerweile um Klassiker, die ganz und gar unschädlich sind. (Ganz ehrlich, welcher Fantasyschriftsteller kennt denn Buffy nicht? 😉 )

20 Master Plots stellt die Characters in Sachen Alter allerdings in den Schatten: Der Ratgeber hat in seiner Grundform 23 Jahre auf dem Buckel, und auch hier vielleicht nur bei den Beispielen eingebüßt. Da sich Herr Tobias aber in der Regel auf Filme bezieht, lassen sich entsprechende Lücken schnell schließen.
Auch wie Frau Schmidt fußt Herr Tobias seine Ausarbeitung auf einem historischen Werk, nämlich Dante Alighieris Commedia, indem er behauptet, dass es nur zwei Typen von Plots gibt: die des Geistes (nach den forda, den Betrügerein und Täuschungen) und die des Körpers (nach den forza, den Gewaltverbrechen). Dem ist nichts hinzuzufügen und die 20 Master Plots, die er vorstellt, lassen sich einfach in eine der beiden Kategorien einteilen.
Mein Problem bei diesem Ratgeber, im Gegensatz zu den Characters, war allerdings der Zusatz „and how to build them“, dem Herr Tobias meiner Meinung nach nur unzureichend nachkommt. Zwar gibt er sich alle Mühe, die Grundzüge und die Eigenheiten der Plots zu erklären, verfällt aber letztlich in Allgemeinplätze, die zum 1zu1-Nachmach-Rezept nicht taugen. Bspw. findet sich in der Checkliste am Ende zum Abenteuerplot der Punkt „Ihr Held zieht aus das Glück zu suchen, das nie zu Hause zu finden ist.“ oder auch „Abenteuer beinhalten oft Romanzen.“ Um einen Überblick zu erhalten, sind die Erklärungen (und auch die Checklisten die sich nach jedem Plot finden lassen) ganz tauglich. Zur konkreten Anwendungen kann ich sie allerdings nicht empfehlen. An dieser Stelle muss ich aber auch sagen, dass mir bisher kein anderer Ratgeber über den Weg gelaufen ist, der an das Thema Plot auch nur annähernd heran geht wie Herr Tobias. Die meisten Ratgeber heutzutage stützen sich auf abgewandelte Heldenreisen oder versuchen, verschiedene Plotmechanismen zu kombinieren, gerne auch angelehnt an den dramatischen Aufbau alt-griechischer Dramen, was sie nicht unbedingt so wandlungsfähig macht wie 20 Master Plots. (Wobei das auch ein allgemeines Problem von Genreliteratur an sich ist: Wie weit kann man sich vom Genre und seinen Konventionen entfernen, ohne völlig heraus und in ein anderes heinein zu fallen?)

Schreibratgeber

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In Anbetracht dessen, dass sich dieser Blog 50.000 Worte nennt und direkten Bezug auf den NaNoWriMo nimmt, ist so ein Ratgeber, der einen Roman in einem Jahr verspricht, sehr tief gegriffen. Nach (fast) zehn NaNos und (vermutlich) vier bis fünf Jahren, den ich den Ratgeber schon habe, kann ich auch sagen, dass Louise Doughtys Buch nicht mehr das ist, was ich brauche. Das heißt nicht, dass es schlecht ist. Nein. Nur braucht jeder von uns zu verschiedenen Zeiten verschiedene Bücher, und was einst heiß geliebt wurde, entlockt später nicht einmal mehr ein nostalgisches Seufzen. Im Falle von Ein Roman in einem Jahr ist der Zeitpunkt heißer Liebe zwischen mir und diesem Buch vermutlich längst verstrichen.
(Als ich es mir annodazumal gekauft hatte, wartete ich ungeduldig auf den Postboten und vertrieb mir die Zeit bis dahin auf der Internetseite zum Buch. Mittlerweile gibt es dort nur noch die Kommentare zu den Übungen zu lesen, da die Seite jedoch von 2008 ist — und die originale Kolumne im Telegraph sogar von 2006 — können wir eigentlich nur froh sein, dass sie überhaupt noch existiert.)

Ich weiß nicht mehr, warum mich das Buch damals nicht überzeugte und dann ungenutzt im Schrank verstaubte. Nachdem ich es allerdings die Tage nochmals hervor holte und durchblätterte, wurde mir jedenfalls sehr schnell klar, warum es mir jetzt nicht mehr hilft.
Man merkt Frau Doughty ihre Erfahrungen als Dozentin für kreatives Schreiben deutlich an, einfach an der Art wie das Buch aufgebaut ist und welche Übungen sie dabei durchexerziert. Anfangs soll man bspw. viele Dinge aus der eigenen Erfahrung heraus beschreiben (der Tag nach dem achten Geburstag, über einen eigenen Unfall oder wie man sich einmal verlaufen hat), dann springen die Übungenen chaotisch Eckpfeiler für Eckpfeiler eines Romans ab (ausformulierter Lebenslauf der Hauptfigur, eine Szene aus verschiedenen Perspektiven oder ein kurzer Dialog). Immer wieder wird drauf Wert gelegt, dass man dadurch eine Materialsammlung zusammen bekommt, aus der man vielleicht irgendwann einen Roman zusammen stückeln kann… Insofern verliert der Ratgeber hier seinen eigenen Anspruch, den man durch den Titel vermuten könnte — was die Autorin, ulkigerweise, aber auch schon zugleich in der Einleitung selbst zugibt. Tjap. ô.o
Das Traurige an der Sache dabei ist, dass sich in ihren Kapiteln ja auch immer wieder gute Ansätze und Tipps finden lassen. Zumal Frau Doughty auch einen Humor an den Tag legt, der ganz erheiternd ist. Nur leider verstecken sich die Tipps zu gut zwischen Übungen und Kapiteln, die zu einem Drittel des Buches nur wiedergeben wie ihre Kolumnen-Leser die Übungen bewältigt haben. Bei den vielen Beispiellösungen wunderte ich mich auch immer wieder über den Einfallsreichtum mancher Teilnehmer (im positiven Sinne), und musste genauso oft die Augen rollen über so manchen Stil.
Was der Ratgeber das Übungsbuch nämlich einfach vermissen lässt, ist handfestes Handwerk. Mit so mancher Erfahrung lässt sich zwar schon handwerkliche Intentionen hinter den Übungen erkennen, das genaue Handwerk-How-To, weswegen die meisten Leute wohl zu Ratgebern greifen, bleibt allerdings aus. Ein Roman in einem Jahr is also eher etwas für diejenigen, die überhaupt erst einmal mit dem Schreiben anfangen wollen und überhaupt keinen Plan davon haben wie Romane bzw. Geschichten entstehen.