Flash Fiction Friday

Eine Frau, die zwei volle Mojitos über sich hielt, drängte sich an mir vorbei. Ihre korallenroten Haare hatte sie zu einem Dutt aufgesteckt, der sich zu lösen begann und verführerisch einzelne Strähnen über die zwei umeinander tanzenden Kois in ihrem Nacken fallen ließ. Meine Sinne sirrten, und ich nutzte die Gelegenheit und folgte ihr unbemerkt durch die wabernde Masse von Menschen. Über uns zerstoben Feuerwerkskörper in alle Himmelsrichtungen und verwandelten den Nachthimmel in ein abstraktes Gemälde. Verdammte Lichter. Ich blinzelte ob der unnatürlichen Farben, die alles um mich schluckten. Warum mussten die Menschen immer so laut sein?
Ich strich mir eine nasse Strähne aus dem Gesicht und sah mich nach dem Objekt meiner Begierde um. Zu spät, der Happen war verloren. Ich seufzte und schob mich nunmehr hungrig durch die schwitzende Menge Richtung rettender Bucht. Als ich den kühlen Sand unter meinen nackten Füßen fühlte, wurde mir sogleich wohler und mein Herzschlag beruhigte sich. Das war das Einzige, das ich den Menschen neidete. Sand unter Füßen. Kurz schloss ich die Augen und fragte mich, ob ich es noch einmal versuchen sollte. Doch ich war zu wählerisch und war bereits zu oft hier gewesen. Lieber sollte ich einen anderen Ort aufsuchen. Am Ende wilderte ich noch in fremden Teichen.
„Wunderschön, nicht wahr?“ Ich stutzte und sah mich um. Ein Mann kam die Stufen zum Strand herab. Er trug ein leichtes Leinenhemd und Shorts, und wie ich keine Schuhe. Bei Medusa, nein. Nicht schon wieder einer.
„Bis eben war es das“, sagte ich. Er kam dennoch näher und blieb dicht vor mir stehen. Für einen Menschen, und dann noch einen von der männlichen Sorte, sah er schon ganz gut aus, das musste ich zugeben.
„Sie sollten erst das Meer sehen,“ er lächelte und beugte sich zu mir herunter, um mir ins linke Ohr zu flüstern,“ und darin baden.“
Ungläubig sah ich ihn an als er sich wieder aufrichtete, die Hände in den Hosentaschen verborgen. Das könnte dir so passen. Ich wollte erst etwas Spitzfindiges erwidern, strafte ihn aber dann doch lieber Schweigen und marschierte zum soeben gepriesenen Nass. Wenn du nur wüsstet. Natürlich war ich nicht sonderlich erpicht auf seine Gesellschaft gewesen, Männer waren zäh (im wahrsten Sinne des Wortes), dennoch warf ich nach einigen Schritten neugierig den Blick nach hinten. Er stand immer noch dort, immer noch die Hände in den Taschen, die Füße tief im Sand vergraben und sah mich direkt an. Mir war so als lächelte er, aber ein grüner Lichtnebel nahm mir die Sicht.
Als ich wieder klar sehen konnte, stand er plötzlich dicht vor mir und zog mich an sich, um mich zu küssen. Verdammt war der gut. Ich riss mich dennoch los, taumelte einige Schritte zurück und fühlte nassen Sand unter mir. Sanft brandete das Meer an meine Knöchel.
„Was soll das!“ Er schwieg, sah mich eindringlich an und kam dann langsam auf mich zu. Ich wich weiter zurück, und als auch er einen Schritt ins Meer setzte, wandelte sich sein Blick und ich erkannte das verräterische, rauschende Dunkel der Tiefe in ihm. Verlucht. Eilig drehte ich mich um und wollte ins Meer flüchten, doch er packte mich grob am Arm und zerrte mich zurück an den Strand.
Fest schloss sich seine Hand um meine Kehle. Ich würgte und schlug und trat um mich, und konnte doch nicht seinem Griff entkommen. Wie einen Fisch warf er mich gegen rauen Fels, der die Bucht hoch umschloss. Ich sank zu Boden und hustete.
„Das ist nicht dein Revier“, sagte er und drückte mein Gesicht mit einem Fuß in den Sand.
„Es, es tut mir Leid. Ich – mir war nicht klar … Es war ein Versehen.“
„Ich beobachte dich seit einer Woche, erzähl mir nichts.“
„Ich werde nie wieder kommen!“
„Ja, in der Tat.“ Er nahm den Fuß von meinem Gesicht und zerrte mich an meinem Shirt nach oben. Hart drückte er mich gegen die Felswand und öffnete den Mund. Spitze Zähne flackerten im Licht einer weiteren Feuerwerksrakete.
Plötzlich zuckte er und sein Gesicht verzog sich zu einer ungläubigen Fratze. Alles Leben schwand aus seinem Blick, sein Griff löste sich und er kippte einfach zur Seite weg. Hinter ihm stand die Frau mit korallenrotem Haar. Sie hatte ein Messer in der Hand, von dessen gezackter Klinge Blut troff. Sie wischte es an ihrem nackten Schenkel ab.
„Danke“, hauchte ich und schickte ein Stoßgebet an Medusa.
„Ich habe zu danken“, sagte sie, die Stimme klar wie Eis, und ich fühlte eine merkwürdige Leere mich erfüllen.
Ich fiel.
Sand umfing mich.
Und ungläubig folgten meine Augen nackten, sich entfernenden Füßen.

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Flash Fiction Friday

20160912-fff1-milky-way-stars-night-sky-by-skeeze

Mein Blick folgte der Milchstraße und verlor sich im Licht tausender Leben. Ein leises Klacken zerrte mich zurück in diese Welt und träge senkte ich den Kopf. Mein Vater bückte sich gerade und sein Rücken versperrte mir die Sicht auf die kleine Windmühle, deren Flügel sich unaufhaltsam in der windleeren Nacht drehten.
„Du schummelst doch nicht?“, fragte ich und drehte den Golfschläger in meiner Hand. Mein Vater murmelte etwas, vermutlich weil ich ihn erwischt hatte, und erhob sich langsam. Dabei musste er sich auf seinen Knien abstützen. Er nahm seinen Schläger wieder zur Hand.
„Dir entgeht aber auch gar nichts, mein Kind“, sagte er, lächelte und schlurfte zu mir zum Anfang der Bahn zurück. Sein Golfball lag noch immer im Durchgang der Mühle, wo er versandet war – und verschwand plötzlich als Vater mit den Fingern schnippte. Vorsichtig legte er den Ball zurück auf den Abschlag.
„Normal zu spielen ist nicht unbedingt deine Art, oder?“
„Normal zu spielen ist etwas für Sterbliche“, raunte er und sein Blick glitt zwischen Mühle und Abschlag hin und her. Ich lächelte und widmete mich wieder dem Universum über uns. Das würde noch dauern.
„Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass wir die Einzigen hätten bleiben können?“, fragte ich und versuchte mit bloßem Auge das Solsystem auszumachen. Vater schwieg, stattdessen heulte irgendwo ein Coyote.
„Jetzt mal im Ernst.“ Ich seufzte und rieb mir die nackten Unterarme.
„Natürlich. Aber glücklicherweise ist dem nicht so.“ Es klackte wieder. „Hier, zieh dir etwas an.“ Vater reichte mir seine Strickjacke und zusammen gingen wir zur anderen Seite der Bahn. Er hatte es tatsächlich an der Windmühle vorbei geschafft. Eigentlich hatte ich gehofft, der Wüstensand würde ihm mehr zu schaffen machen. Aber scheinbar steckte in seinen gichtigen Knochen mehr Geschick als ich erwarte hatte. Wenn er jetzt noch mit einem Schlag einlochte, hatte ich verloren. Ich musste mir etwas einfallen lassen.
Ja, vielleicht hatte er…
„Na, du hast wohl schon gedacht, dein alter Herr würde diesmal verlieren, was?“ Vater feixte und konzentrierte sich dann ganz auf seinen Ball, ging hin und her, um den richtigen Winkel zu finden, der ihn über die letzten zwei Hügel bringen konnte. Ich griff währenddessen in die Taschen der Strickjacke, und biss mir auf die Unterlippe als ich das weiche Leder seines Notizbüchleins tatsächlich ertastete. (Wusste ichs doch.) Langsam zog ich es hervor, löste den Riemen und schlug vorsichtig die letzte Seite auf. Zwischen Umschlag und Rücken steckte ein Bleistift, dessen Spitze schon fast aufs Holz herunter geschrieben war. Mit wenigen Strichen konnte ich die Formel ins Buch kritzeln, und wartete.
Vater schlug.
Ich schrieb, und eine kleine Maus lief über die Bahn und blieb direkt vor dem Golfloch sitzen. Ihre Barthaare zuckten als sie über den Boden schnupperte und hielten jäh inne als sie dem Ball gewahr wurde, der auf sie zuschoss.
Plötzlich rauschte etwas mit schweren Flügelschlägen über mir hinweg, griff sich die Maus und verschwand im unendlichen Dunkel über der Wüste.
Ungläubig sah ich der Eule nach, die mit meiner Rettung entschwunden war, und als ich endlich den Blick abwenden konnte, steckte Vater bereits das Fähnchen zurück ins Loch. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. Er kam auf mich zu, nahm das Notizbuch an sich, blätterte darin und machte in der Punktetabelle in seiner Spalte ein Kreuz, zu den dutzend anderen Kreuzen, die dort bereits standen. In den anderen Spalten hingegen, meiner eigenen eingeschlossen, herrschte gähnende Leere.
„Nun, eine Schlange wäre auch zu offensichtlich gewesen“, sagte er und klappte das Buch zu.

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