Kopfkarussell

Der Blog, dein Freund und Helfer?

Es gibt Gedanken, die gären innerlich unbewusst vor sich hin bis ich über eine Aussage oder einen Anblick stolpere, und der Groschen plötzlich fällt. So bin ich über Buchdraches Blog auf Schreibsuchti gekommen, der unter Punkt vier seines Artikels 5 einfache Wege, deinen Schreibstil zu verbessern – ohne zu schreiben* etwas sagt, das mir zutiefst widerstrebt:

„Kenne die Sorgen und Probleme deiner Leser, dann werden deine Texte so aufmerksam gelesen wie ein Liebesbrief.“

Walter bei schreibsuchti.de am 22.03.16
abgerufen am 27.09.16

Was sich hinter Pathos versteckt, ist etwas, das mir bei Marketing-Blogs – neudeutsch: Passive Income, passives Einkommen – immer wieder über den Weg läuft und eigentlch thä keyphrase und der springende Punkt ist:
Der Blog ist ein Problemlöser.
Zu bloggen heißt, Probleme anderer zu kennen oder zu erahnen und dafür Lösungen zu bieten. Oder manchmal auch: Lösungen für Probleme zu bieten, ohne dass der Kunde Leser wusste, dass er diese Probleme hat. Der Blog wird zu einem Produkt gemacht, das gefallen muss, wird instrumentalisiert und im Zuge dessen sogleich auch monetarisiert. (Stichwort: Repurposing Content, „umgewidmeter“ Inhalt) Wer mit seinem Blog Geld verdienen will, tut – meiner Meinung nach, Händler der ich bin – nichts ehrenrühriges. Wie gesagt, das ist letztlich der Grundgedanke jeglichen Produkts.

Nur: Ist ein Blog immer ein Produkt? Muss ein Blog immer gefallen?

Walters Artikel auf Schreibsuchti richtet sich in erster Linie eben nicht an damit geldverdienende Blogger sondern an Blogger, die erstmal nur mit der Welt teilen und von denen nur wenige gerade an der Schwelle zum Geldverdienen stehen. (Wenn sie darüber hinaus wären, dann bräuchten sie den Artikel nicht.) Was ich mit diesem Hintergedanken bei Walters Aussage nun befürchte, ist letztlich das, was seit einigen Tagen die Gemüter bei youTube erhitzt nachdem die Plattform ihre Nutzerrichtlinien geändert hat: Nämlich Content ohne Seele, der anderen nach dem Mund redet und nur auf Likes ausgerichtet ist. Oder wie LeFloid es so schön sagt:

„Weniger wirklich authentische Leute mit nem klaren Standpunkt, ner klaren Haltung und ner eigenen, eindeutigen Meinung (…) Das heißt, es wird wesentlich mehr durchgeskripteten Einheitsbrei geben. (…) Mehr Verstellen und mehr Leute, die sich ne Maske aufsetzen, um irgendwie ins Raster und Profil zu passen.“

LeFloid auf yT am 08.09.16
abgerufen am 27.09.16

Meiner Meinung nach widerspricht dieser Einheitsbrei/ Like-Content dem Wesen eines Blogs, der in seinem Ursprung ein Tagebuch war, in dem es also um den Menschen geht, der diesen Blog führt. Die Themen sind bestimmt vom Interessengebiet des Bloggers, wie er darüber schreibt und welche Meinung er vertritt, hängt von den Werten und Erfahrungenen des Bloggers ab – und eben nicht von der Crowd.
Wir leben mittlerweile in einer Welt, in der (gefühlt) ein Großteil der Menschen es Leid ist, mit Projektionsflächen bombadiert zu werden, die einem Wünsche und Nöte einflüstern, die man vorher nicht hatte, danach aber meint, ohne nicht mehr weiter leben zu können. Wir kennen die dunkle Seite des Marketings, weil es schon viel zu lang an der Macht ist, und wollen uns von ihm nicht mehr blenden lassen. Dazu gehört es eben auch, im ganz kleinen Maßstab, authentisch zu sein. Also echt authentisch, nicht gefaked authentisch wie eine Mockumentary.

Ein Blog ist also per se kein Produkt. Ein Blog muss per se nicht immer gefallen. Wer sich selbst treu bleibt, findet die Leser, die zu seinen Inhalten passen, und nicht umgedreht. Geht – oder schreibt – nicht hinaus in die Welt auf eine Art, von der ihr denkt, eine bestimmte Gruppe zu erreichen, die dann zu allem Überfluss auch nicht zu euch passt.

Mir selbst treu zu bleiben hindert mich auch nicht daran, meine Interessensgebiete für den ein oder anderen Artikel zu verschieben, oder den Blog insgesamt zu erweitern, und über Dinge zu bloggen, die zugleich meinem Horizont zugutekommen als auch vermutlich im Intressensdunstkreis der Leute liegen, die mein Blog anzieht. Das ist bspw. auch der Grund, warum ich angefangen habe, über Schreibratgeber zu bloggen. Ich habe selbst mehrere reale und virtuelle Regalmeter davon, finde aber in den Blogs, die ich lese, kaum etwas darüber. Einerseits kann es natürlich sein, dass ich wenige Blogs lese – andererseits habe ich einfach Spaß daran, Ratgeber zu lesen und darüber zu sprechen, warum sollte ich also nicht darüber bloggen, zumal es eben in den Themendunstkreis rund ums Schreiben passt. Es ist also ein Thema, das von mir selbst kommt und von dem ich denke, dass es zufälligerweise auch andere interessiert. Hoffe ich jedenfalls.

Insofern kann ein Blog ein Freund und Helfer sein, nur ist es eben nicht seine Existenzberechtigung und alleinige Aufgabe. Ein gesunder Blog braucht eine authentische Seele. Er ist kein Splitterwerk aus den Seelen einer vermeintlich vertrauten, aber dennoch fremden Masse.

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* PS: Walters Beitrag ist selbst das Musterbeispiel für Marketing-Einheitsbrei. Besonders schön am Titel zu erkennen: Bei Zahlen im Titel doppelt Hinschauen und nachdenken, ob das wirklich echter Content ist oder nur eine zusammengestückelte, schnelle Liste mit Tipps, die die Nachhaltigkeit einer Eintagsfliege haben.

 

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