Flash Fiction Friday

Flash Fiction Friday #1: Geisterland

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Mein Blick folgte der Milchstraße und verlor sich im Licht tausender Leben. Ein leises Klacken zerrte mich zurück in diese Welt und träge senkte ich den Kopf. Mein Vater bückte sich gerade und sein Rücken versperrte mir die Sicht auf die kleine Windmühle, deren Flügel sich unaufhaltsam in der windleeren Nacht drehten.
„Du schummelst doch nicht?“, fragte ich und drehte den Golfschläger in meiner Hand. Mein Vater murmelte etwas, vermutlich weil ich ihn erwischt hatte, und erhob sich langsam. Dabei musste er sich auf seinen Knien abstützen. Er nahm seinen Schläger wieder zur Hand.
„Dir entgeht aber auch gar nichts, mein Kind“, sagte er, lächelte und schlurfte zu mir zum Anfang der Bahn zurück. Sein Golfball lag noch immer im Durchgang der Mühle, wo er versandet war – und verschwand plötzlich als Vater mit den Fingern schnippte. Vorsichtig legte er den Ball zurück auf den Abschlag.
„Normal zu spielen ist nicht unbedingt deine Art, oder?“
„Normal zu spielen ist etwas für Sterbliche“, raunte er und sein Blick glitt zwischen Mühle und Abschlag hin und her. Ich lächelte und widmete mich wieder dem Universum über uns. Das würde noch dauern.
„Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass wir die Einzigen hätten bleiben können?“, fragte ich und versuchte mit bloßem Auge das Solsystem auszumachen. Vater schwieg, stattdessen heulte irgendwo ein Coyote.
„Jetzt mal im Ernst.“ Ich seufzte und rieb mir die nackten Unterarme.
„Natürlich. Aber glücklicherweise ist dem nicht so.“ Es klackte wieder. „Hier, zieh dir etwas an.“ Vater reichte mir seine Strickjacke und zusammen gingen wir zur anderen Seite der Bahn. Er hatte es tatsächlich an der Windmühle vorbei geschafft. Eigentlich hatte ich gehofft, der Wüstensand würde ihm mehr zu schaffen machen. Aber scheinbar steckte in seinen gichtigen Knochen mehr Geschick als ich erwarte hatte. Wenn er jetzt noch mit einem Schlag einlochte, hatte ich verloren. Ich musste mir etwas einfallen lassen.
Ja, vielleicht hatte er…
„Na, du hast wohl schon gedacht, dein alter Herr würde diesmal verlieren, was?“ Vater feixte und konzentrierte sich dann ganz auf seinen Ball, ging hin und her, um den richtigen Winkel zu finden, der ihn über die letzten zwei Hügel bringen konnte. Ich griff währenddessen in die Taschen der Strickjacke, und biss mir auf die Unterlippe als ich das weiche Leder seines Notizbüchleins tatsächlich ertastete. (Wusste ichs doch.) Langsam zog ich es hervor, löste den Riemen und schlug vorsichtig die letzte Seite auf. Zwischen Umschlag und Rücken steckte ein Bleistift, dessen Spitze schon fast aufs Holz herunter geschrieben war. Mit wenigen Strichen konnte ich die Formel ins Buch kritzeln, und wartete.
Vater schlug.
Ich schrieb, und eine kleine Maus lief über die Bahn und blieb direkt vor dem Golfloch sitzen. Ihre Barthaare zuckten als sie über den Boden schnupperte und hielten jäh inne als sie dem Ball gewahr wurde, der auf sie zuschoss.
Plötzlich rauschte etwas mit schweren Flügelschlägen über mir hinweg, griff sich die Maus und verschwand im unendlichen Dunkel über der Wüste.
Ungläubig sah ich der Eule nach, die mit meiner Rettung entschwunden war, und als ich endlich den Blick abwenden konnte, steckte Vater bereits das Fähnchen zurück ins Loch. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. Er kam auf mich zu, nahm das Notizbuch an sich, blätterte darin und machte in der Punktetabelle in seiner Spalte ein Kreuz, zu den dutzend anderen Kreuzen, die dort bereits standen. In den anderen Spalten hingegen, meiner eigenen eingeschlossen, herrschte gähnende Leere.
„Nun, eine Schlange wäre auch zu offensichtlich gewesen“, sagte er und klappte das Buch zu.

Beitragsbild: Skeeze @ Pixabay

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