Kopfkarussell

Digitale Nomaden, oder auch: Schreiben ohne Wohnung?

Letzten Donnerstag war ich zum Auftakt der Futurale im Programmkino Ost gewesen, um mir zusammen mit meiner besseren Hälfte den Film Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus anzusehen. Für die, die nicht wissen, was Digitale Nomaden sind: Das sind Menschen zumeist ohne dauerhaften Wohnsitz, die ständig unterwegs sind und die ihre Brötchen zumeist übers Internet verdienen. (Wobei gerade die digitale Branche auch viele andere Berufsfelder hergibt, die keines festen Arbeitsplatzes bedingen.) Auf der verlinkten Internetseite gibt es auch gleich den zweiten Teil, den ich mir auch noch anschauen möchte.
Nach dem Film fand auch ebenso eine Diskussionsrunde statt, die einerseits – genauso wie der Film für mich – bekannte Informationen enthielt, andererseits aber auch interessante Fragen aufwarf. Im Grunde schoss sich die Diskussion schnell auf Fragen rund um die Auswirkungen auf unser Sozialsystem und der praktischen Umsetzung ein. Unbeantwortet blieb die Frage, ob so ein digitales Nomadentum von Menschen jeglicher sozialer Schicht angegangen werden kann. (Ich denke ja eher, dass das keine Frage der sozialen Schicht ist sondern des Typs Mensch.)

Auch ich habe mich dann, natürlich, gefragt, ob ich soetwas kann und machen will – und ob es sich überhaupt mit dem Schreiben vereinbaren lässt. Je weiter ich darüber nachdachte, umso mehr kam ich zu dem Schluss, dass dieses digitale Nomadentum nicht so besonders ist wie es im Film dargestellt wird. Der Film selbst lässt den Gedanken in einer Randnotiz fallen, dass digitale Nomaden auch nur Selbstständige sind. Der einzige Unterschied ist eben, dass sie sich zugleich dazu entschieden haben, viel zu reisen und das auch noch in so einer extremen Form, dass sie keinen festen Wohnsitz mehr haben (wollen).
Mich erinnert das so ein bisschen an Reiseschriftsteller oder schreibende Reisende, wie man sie zu Dutzenden in der Reiseliteratur findet. Ein halbes Jahr durch die Sahara nur mit Zelt und Kamel? Super! Dafür dann aber bitte auch ein Buch drüber schreiben und es das andere halbe Jahr quer durch Deutschland tragen und mittels dutzender Vorträge die nächste Reise finanzieren. Oder was ist mit (Buch-) Handelsvertretern, die zwar ihre Wohnungen zumeist behalten, aber dennoch mehrere Monate im Jahr quer durch die Republik touren? Oder mit mobilen Buchhandlungen, mobilen Ärzten, Sparkassen, Hundefriseuren, Wochenmärkten? Was ist mit manchem Schüler in Dresden, der jeden Schultag mehrere Stunden Schulweg hat (hin und zurück)?
Reisen, um zu arbeiten, ist mittlerweile ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Ein genauso fester Bestandteil ist es, dass die Menschen anfangen, an der 40h-Arbeitswoche zu sägen. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, Familie und Hobbys sind keine Dinge mehr, die man sich vom Munde des Zeitsparkontos absparen will. Das soll alles unter einen Hut und verlangt deswegen nach flexibleren Arbeitsmodellen. Viele Menschen treibt es deswegen in die Selbstständigkeit. Der Verzicht auf eine Wohnung und materielle Werte ist da nur die Konsequenz kompromissloser Forderungen.

Für mich habe ich entschieden, dass Reisen bittegerne sein können, vor allem für Recherchen hätte ich gerne die finanziellen Mittel. Einen Wohnsitz würde ich trotzdem nur bedingt aufgeben wollen, und so ganz will ich auch nicht auf meine Bibliothek zu Hause verzichten. So ganz will ich nicht den Ankerpunkt verlieren, den Rückzugsort, von dem ich weiß, dass er da ist, sollten unterwegs einmal alle Stricke reißen. Und letztlich, das ist das Wichtigste, habe ich gar nicht die Ruhe, unterwegs zu schreiben. Wenn ich reise, will ich erleben, nicht arbeiten, das hemmt. Und im Zug hemmt mich die Umgebung. Ich brauche viel zu lange, um mich in meine Romanwelten einzufühlen, um da unterwegs wirklich effektiv arbeiten zu können. Aber vielleicht ist das auch nur eine Frage der Gewöhnung?

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