Schreibratgeber

Ein Roman in einem Jahr von Louise Doughty

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In Anbetracht dessen, dass sich dieser Blog 50.000 Worte nennt und direkten Bezug auf den NaNoWriMo nimmt, ist so ein Ratgeber, der einen Roman in einem Jahr verspricht, sehr tief gegriffen. Nach (fast) zehn NaNos und (vermutlich) vier bis fünf Jahren, den ich den Ratgeber schon habe, kann ich auch sagen, dass Louise Doughtys Buch nicht mehr das ist, was ich brauche. Das heißt nicht, dass es schlecht ist. Nein. Nur braucht jeder von uns zu verschiedenen Zeiten verschiedene Bücher, und was einst heiß geliebt wurde, entlockt später nicht einmal mehr ein nostalgisches Seufzen. Im Falle von Ein Roman in einem Jahr ist der Zeitpunkt heißer Liebe zwischen mir und diesem Buch vermutlich längst verstrichen.
(Als ich es mir annodazumal gekauft hatte, wartete ich ungeduldig auf den Postboten und vertrieb mir die Zeit bis dahin auf der Internetseite zum Buch. Mittlerweile gibt es dort nur noch die Kommentare zu den Übungen zu lesen, da die Seite jedoch von 2008 ist — und die originale Kolumne im Telegraph sogar von 2006 — können wir eigentlich nur froh sein, dass sie überhaupt noch existiert.)

Ich weiß nicht mehr, warum mich das Buch damals nicht überzeugte und dann ungenutzt im Schrank verstaubte. Nachdem ich es allerdings die Tage nochmals hervor holte und durchblätterte, wurde mir jedenfalls sehr schnell klar, warum es mir jetzt nicht mehr hilft.
Man merkt Frau Doughty ihre Erfahrungen als Dozentin für kreatives Schreiben deutlich an, einfach an der Art wie das Buch aufgebaut ist und welche Übungen sie dabei durchexerziert. Anfangs soll man bspw. viele Dinge aus der eigenen Erfahrung heraus beschreiben (der Tag nach dem achten Geburstag, über einen eigenen Unfall oder wie man sich einmal verlaufen hat), dann springen die Übungenen chaotisch Eckpfeiler für Eckpfeiler eines Romans ab (ausformulierter Lebenslauf der Hauptfigur, eine Szene aus verschiedenen Perspektiven oder ein kurzer Dialog). Immer wieder wird drauf Wert gelegt, dass man dadurch eine Materialsammlung zusammen bekommt, aus der man vielleicht irgendwann einen Roman zusammen stückeln kann… Insofern verliert der Ratgeber hier seinen eigenen Anspruch, den man durch den Titel vermuten könnte — was die Autorin, ulkigerweise, aber auch schon zugleich in der Einleitung selbst zugibt. Tjap. ô.o
Das Traurige an der Sache dabei ist, dass sich in ihren Kapiteln ja auch immer wieder gute Ansätze und Tipps finden lassen. Zumal Frau Doughty auch einen Humor an den Tag legt, der ganz erheiternd ist. Nur leider verstecken sich die Tipps zu gut zwischen Übungen und Kapiteln, die zu einem Drittel des Buches nur wiedergeben wie ihre Kolumnen-Leser die Übungen bewältigt haben. Bei den vielen Beispiellösungen wunderte ich mich auch immer wieder über den Einfallsreichtum mancher Teilnehmer (im positiven Sinne), und musste genauso oft die Augen rollen über so manchen Stil.
Was der Ratgeber das Übungsbuch nämlich einfach vermissen lässt, ist handfestes Handwerk. Mit so mancher Erfahrung lässt sich zwar schon handwerkliche Intentionen hinter den Übungen erkennen, das genaue Handwerk-How-To, weswegen die meisten Leute wohl zu Ratgebern greifen, bleibt allerdings aus. Ein Roman in einem Jahr is also eher etwas für diejenigen, die überhaupt erst einmal mit dem Schreiben anfangen wollen und überhaupt keinen Plan davon haben wie Romane bzw. Geschichten entstehen.

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